Chronische Krankheit und Psyche

Die Erfahrung und Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen mit chronischen Krankheiten und insbesondere mit Diabetes haben mich in meiner kinderärztlichen, kinder- und jugendpsychiatrisch/ -psychosomatischen Ausbildung und oberärtzlichen Tätigkeit zu folgender Auffassung geführt: 

Es bestehen ganz unterschiedliche gute Lebensentwürfe zum Leben mit einer chronischen Krankheit

wir als "Profi´s" begleiten dabei nur in der Suche nach den individuell besten Lösungen für Dich bzw. Sie und Ihre Familie.

Gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit chronischer Erkrankung und deren Familien hat sich ein initial lösungsorientiertes Arbeiten bewährt. Vorherrschende Gefühle wie

„Wir sind der Krankheit ausgeliefert!“,

„Es wird sich nie etwas ändern!“,

lähmen die Motivation sich angemessen um die Krankheit (z.B. den Diabetes) zu kümmern.

Der erste wesentliche Schritt ist oft gemeinsam positive (wenn auch kleine) Ziele zu finden und die bestehenden Fähigkeiten wiederzuentdecken. Es lassen sich fast immer Stärken und Ressourcen in den Familien finden. Denn im Rahmen der Krankheitsbewältigung haben Sie und Ihr Kind/ hast Du bereits einiges „überstanden“. Häufig ist dies aber nicht bewusst und die Idee einer positiven Zukunft ist angesichts des überfordernden Alltags zurückgetreten.


Arbeitet man in diesem Sinne, geschieht es zudem weniger häufig, dass man als „Profi“ unbewußt den erfahrenen Familien die Kompetenz bezüglich der Krankheit und der eigenen Lebensgestaltung abnimmt. 

  

 

 


 

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Beim Leben mit Diabetes mellitus (DM) können sich folgende typische Probleme ergeben:

1. entweder ist der DM und seine Versorgung so kompliziert geworden, dass die Diabetes-Probleme und die dysfunktionalen Kompensationsversuche der Familie sich bis ins Psychische ausgewirkt haben oder

2. zu – bisher mehr oder weniger kompensierten – psychischen Problemen ist der DM noch hinzugekommen und ist nun „nur“ die Schwierigkeit, an der die Überforderung des Systems deutlich wird.

 

Aus den Notwendigkeiten der Diabetes-Therapie, die ja über das 3 x tägliche Einnehmen von Tabletten deutlich hinausgeht, ergeben sich einige typische Konstellationen denen wir immer wieder begegnen:

  • Frustration durch schlechte Stoffwechselwerte aufgrund von Schulungsdefiziten oder undifferenziertem Insulin-Schema (fehlendes Wissen)

  • Frustrationen durch „schlechte Gewohnheiten“. Dem Kind/ Jugendlichen und der Familie steht alles nötige Wissen zur Verfügung, aber es haben sich andere, vordergründig bequemere Handlungsweisen verfestigt.

    • zu viele Messungen und Kontrolle (übermäßig viel BZ-Messungen bringen nicht mehr Sicherheit!)

    • zu wenig Messungen aus Verweigerung,

    • ….

  • zusätzliche Schwierigkeiten wie: Intellektuelle Schwierigkeiten(LB/GB), Teilleistungsschwierigkeiten (Dyskalkulie), Konzentrationsprobleme (ADS), Impulisivität (ADHS) oder Ängste (Soziale Phobie – Spritzen in der Öffentlichkeit/ Spezifische Phobie – Spritzen-Phobie) haben solch ein Ausmaß, dass an eine adäquate altersangemessene selbstständige DM-Versorgung vor und ohne eine  Behandlung dieser Schwierigkeiten nicht zu denken ist.

  • Belastungen unterschiedlicher Ursache sind für das Kind/ den Jugendlichen oder die Eltern so hoch geworden, dass eine unbelastete Kommunikation und Kooperation beim DM nicht mehr möglich ist. Dabei kann das Vermeiden altersgerechter Entwicklungsschritte oder das Auslassen von Entwicklungsschritten problematisch werden und zu Überforderung führen (typisches Beispiel ist die normale pubertäre Entwicklung mit all ihrer Ambivalenz aus Versorgungswünschen und Ablöseprozessen):

    • zu lange zu enge Betreuung durch Eltern – Unselbstständigkeit

    • zu frühes Alleinlassen der Jugendlichen durch die Eltern als Reaktion auf selbstbewusste „Freiheitswünsche“ ihrer Kinder

  • Die Beziehung der Kinder und/oder ihrer Eltern zur Diabeteserkrankung ist nach dem ersten Schock und der Verarbeitungsphase nicht „alltäglich“ geworden, sondern chronisch emotional überlastet. Stichworte: unvollendeter Trauerprozess, Verleugnung des DM, Ignoranz der Therapienotwendigkeiten (auch wenn dies nur ein Elternteil betrifft, kann dies relevant sein)

  • Nicht selten haben wir es dann mit unverarbeitem traumatischen Erleben im Zusammenhang mit dem DM zu tun (bei Erstmanifestation, bei Hypoglykämien, bei Ausgrenzung aufgrund der chronischen Erkrankung, bei Erlebnissen mit kranken Freunden oder Familienangehörigen, die auf den eigenen DM bezogen werden).

 

Daher ist eine entsprechend aufmerksame Anamnese, evtl. Psycho-Diagnostik (s. Testung im Überblick),  evtl. auch das Hinterfragen der diabetologischen Anamnese in Zusammenarbeit mit der betreuenden Diabetes-Ambulanz/ dem Diabetologen notwendig, um den Kindern und Jugendlichen und deren Familien helfen zu können.

 

Christoph Johannsen (Diabetologe DDG)